Paul
Ich hab jetzt einen Namen.
Mein Name ist Paul.
Wann ich geboren wurde, weiß ich nicht genau. Es muss Ende der 90er Jahre gewesen sein. Wie ich auf diesen Hof in Ungarn kam, weiß ich auch nicht mehr. Ich kann mich aber noch an den Tag erinnern, als mir eine Kette um den Hals gelegt wurde.
Zuvor konnte ich frei auf dem Hof rumlaufen. Dort gab es eine kleine Hündin. Die mochte ich gern. Wir hatten auch einmal Nachwuchs. Bis auf eine haben meine Menschen diese aber erschlagen. Diese eine wurde von meinem Engel gerettet. Ja, ich habe einen Engel. Einen weiblichen Engel, dem ich sehr viel zu verdanken habe.
Auf diesem Hof liefen auch Hühner. Wir bekamen nicht viel zu essen und so habe ich mir ein Huhn geschnappt. Naja, das war vielleicht auch nicht fair, aber wir alle hatten Hunger. Das war der Tag, an dem ich die Kette um den Hals bekam. Meine Hüdin wurde auch angekettet.
Von da an hatten wir ein tristes, langweiliges Leben. Tag ein, Tag aus immer gleich. Im Sommer brannte die Sonne, im Herbst war es nass und im Winter sehr kalt. Mein Engel von der anderen Straßenseite schimpfte viel und laut mit meinen Menschen. Am Anfang mochte ich sie nicht.
Im Winter war es sehr, sehr kalt. Mein Engel kam und brachte mir warme Suppe. Das tat gut. So ging es Jahr ein Jahr aus. Es müssen ungefähr sechs Jahre gewesen sein. Ich mochte eigentlich Niemanden und hab auch mal gebissen. Ich war schlecht gelaunt.
Mein Engel brachte mir aber Leckerlies und nach zwei Wochen ließ ich mich auch von ihr anfassen. Es war mein Highlight, wenn sie kam. Sie brachte mir aber nicht nur Leckerlies, sondern ich bekam auch eine Hütte. Nun hatte ich endlich auch Schatten und Schutz vor der Nässe. Kalt war es trotzdem im Winter.
Meine Hündin wurde durch meinen Engel kastriert. Von da an durfte sie wieder frei auf dem Hof laufen. Das war der Deal. Ich durfte das nicht. Anstatt die Hühner einzusperren, war ich weiter angekettet. Nach einigen Jahren an der Kette ging es mir schlecht. Die Kette wuchs in meinen Hals.
Mein Engel kam und behandelt mich. Sie löste die Kette, gab mir ein Antibiotikum und legte mir einen Verband um. Ich bekam auch ein Halsband. Einige Tage später kam mein Engel wieder, aber meine Menschen hatten mir die rohe Kette wieder um den Hals gelegt. Ich hatte immer wieder Probleme.
Zwischendurch habe ich weiter an der Kette rumgepöbelt und dafür auch das eine und andere Mal mit dem Stock Prügel bezogen. Ich dachte, so ein Leben ist normal. 2005 aber sollte sich in meinem Leben etwas Drastisches ändern. Davon habe ich nichts gewusst.
Mein Engel überredete meine Leute, mich wegzugeben. Sie würde versuchen, einen neuen Platz für mich zu finden. Meine Menschen wollten mich doch eh nicht. Ich war eine Last. So kam ich in das Internet. Davon aber wusste ich nichts. Ich würde ein Notfall sein. Ich hing an der Kette.
Meine Menschen würden mich gehen lassen.
Sie meldete sich auf die Anzeige und fragte, was man tun könnte. Sie hing Flyer für mich auf. Das tat sie für mich! Und es meldeten sich Menschen, die mich nehmen würden. Auf eine Pflegestelle sollte ich. Es wurde alles abgesprochen und am 02.10.2005 war es dann soweit.
Ein Mann kam in Begleitung meines Engels. Ich war sehr freundlich und hatte keine Angst. Sie löste meine Kette und ich freut mich. Sie strich mir immer wieder über den Kopf und wünschte mir alles Gute. Ich kam in eine Box und in einen Transporter. Es waren noch andere Hund dort. Einige waren krank.
Die Fahrt war lang. Dann stoppte der Transporter. Dort sah ich das erste Mal meinen weiteren Engel. Sie kannte ich ja nicht und ich hatte Angst.
Sie nahm meine Leine und begrüßte mich. Sie redete leise mit mir. Ich musste pullern und das tat ich dann auch. Alle lachten. Sie hob mich in ein weiteres Auto. Wir fuhren wieder. Hier war es komisch, so ohne Box. Wir kamen nach einer ganzen Weile irgendwo an.
Sie hob mich heraus und wir gingen noch mal Gassi. Hier roch alles ganz anders und ich hatte große Angst. Sie sagten immer wieder, ich würde stinken. Mein Engel setzte mich in das Auto. Sie wollten hier übernachten. Ich schlief im Auto. Ich bekam noch Wasser und leckere Würstchen.
Ich war gestresst und mochte nichts essen. Doch irgendwann konnte ich der Versuchung nicht mehr widerstehen. Ich bin dann endlich eingeschlafen. Am nächsten Morgen stand mein Engel wieder am Auto. Ach, die ist schon okay. Ich freute mich auf sie. Sie nahm mich aus dem Auto und wir gingen spazieren.
Spazieren gehen! War das toll! Ihr glaubt gar nicht, wie viele Hunde es auf dieser Welt geben muss. Ich hab so viel gerochen. Viel mehr als in Ungarn auf unserem Hof. Ich musste immer schneller gehen, weil ich mehr riechen wollte. Das war toll.
Wir kamen dann nach ca. einer dreiviertel Stunde wieder an dem Auto an. Das war auch okay, denn das kannte ich. Ich sprang nun freiwillig hinein.
"Jetzt wohne ich eben hier. Das ist für mich auch in Ordnung", dachte ich. Besser als an der Kette und es war warm und trocken drin. Nach einer weiteren Stunde kam mein Engel wieder zurück. Sie packten Sachen ein und wir fuhren mit dem Auto.
Lange, sehr, sehr lange. Ich hatte wieder Angst und es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich überhaupt mal traute, aus dem Fenster zu schauen. Es überholten uns Autos. Darin waren auch Hunde. Komisch - hier schienen Hunde nicht an Ketten zu leben, sondern in mobilen Hütten.
Irgendwann endete die Reise. Wir stiegen aus und hier war sie nun. Meine Pflegestelle. Die Frau war sehr nett und hatte mehrere Hunde. Es kam eine Jack Russel-Hündin auf mich zu und pöbelte mich an. Ich hatte die Nase voll. Sie brüllte mich an, ich hätte hier nichts zu suchen und sie wolle mich nicht sehen.
Ich ließ mir das eine Weile gefallen, aber irgendwann reichte es auch. Ich hatte jetzt genug hinter mir und sagte ihr dann, dass ich sie scheiße fände und ich wollte auch gar nicht hier her. Mein Engel verstand das auch und packte mich wieder ein.
Sie hatte eine Freundin, die eine Tierpension hat. Kurz durchgeklingelt und ich konnte dahin. Dort konnte ich aussteigen und bekam Asyl. Auf einem kleinen Rasenstück wurde ich freigelassen. Es liefen da auch noch Welpen rum. Die waren mitgereist. Ich war nicht allein. Sie spielten und ich schaute mir das an.
Ich hatte keine Kette, keine Leine um - ich war frei. Das habe ich nicht verstanden. Ich war es gewohnt, in meinem Kettenschema zu laufen und ging auch hier - wie gewohnt - drei Schritte vor, drei zur Seite und im Kreis zurück.
Für mich war das normal. Mein Engel fiel das auf und sie hat mich gelockt. Aber ich kannte nur mein altes Schema: drei Schritte vor, drei zur Seite und im Kreis zurück. Mein Engel wunderte sich. Und lockte mich wieder, aber ich blieb dabei: drei Schritte vor, drei zur Seite und im Kreis zurück.
Doch dann nahm sie einen Ball, warf diesen und forderte mich zum Spielen auf. Boah, ein Ball - klasse, den wollte ich haben und bin gerannt. Ich konnte rennen! Ich hatte den Ball! Ich konnte endlich laufen. Vor Freude habe ich Harken gechlagen und immer wieder den Ball gejagt. Ach, das war schön.
Nun war ich reichlich kaputt und mir wurde mein Zimmer gezeigt. Ein eigenes Zimmer. Dort bekam ich zu essen.
Ich hatte auch einen kleinen Garten und eine dicke Matratze mit einer Wolldecke. Doch zuerst musste ich mal schlafen und habe herrlich auf meiner warmen Matratze geträumt. Am nächsten Tag kam mein Engel und brachte mir ein Kuschelkörbchen. Das war schön.
So weich - so etwas Schönes hatte ich noch nie. Ich freute mich sehr, sie wiederzusehen. Sie ging mit mir spazieren. Sie kam immer wieder. Jeden Tag kam sie und ging mit mir spazieren. Wir fuhren auch mal mit den anderen Hunden an den Strand. Ich durfte dabei frei laufen.
Ich hörte auf meinen Namen und kam immer, wenn man mich gerufen hat. Mein Engel machte Bilder von mir und suchte nach meinen Menschen. So ein Blödsinn! Ich hatte doch hier tolle Menschen und meinen Engel sowieso. Es kamen aber immer mehr diese Momente, in denen mein Engel sehr traurig war.
Sie saß manchmal neben mir auf der Matratze in meinem kleinen Zimmer und weinte. Sie erzählte mir, dass sie mich gern behalten würde, aber dass das nicht gehen würde. Warum nicht? Ich liebte sie doch so sehr. Sie weinte immer öfter. Am 10.10. 2005 dann kam mein Engel mit ihrem Mann.
Wir machten wieder einen Ausflug. Es waren auch die Hunde meines Engels dabei.
Ich war freundlich und dachte mir: "Du musst dich von deiner besten Seite zeigen. Von der allerbesten." Sie hatte mir zuvor erzählt, warum sie mich nicht behalten durfte. Ihr Mann war der Meinung, sie haben genug Hunde. Ich ging bei Fuß, ich ließ mich abrufen und klebte meinem Engel an der Wade.
Der Onkel meines Engels war auch dabei. Der konnte nicht glauben, dass ich so gute hörte. Er war begeistert von mir. Der Mann von meinem Engel sagte nichts. Hatte ihm das nicht gefallen? Hatte ich etwas falsch gemacht? Was sollte ich denn noch machen? Wir saßen bei diesem Onkel noch im Garten.
Ich spielte mit den anderen Hunden. Da ging das Handy von dem Mann meines Engels. Ein Freund war dran. Der sagte zu ihm: "Hast du denn jetzt schon was für Elke zum Geburtstag?" Da erfuhr ich am Rande, dass mein Engel Elke hieß und sie am nächsten Tag Geburtstag hatte.
Dieser Mann lachte komisch und sagte dann wieder "nein" und "ich kann jetzt nicht".
Irgendwie komisch, aber ich spielte weiter. Wir fuhren dann los, denn ich musste um 18:30 Uhr wieder in meinem Zimmer sein, denn sonst hätte ich kein Abendbrot bekommen. Im Auto war es still. Komisch still. Auf der Hinfahrt hatten die beiden sich noch viel zu erzählen, aber jetzt war es still.
Keiner sagte ein Wort - komisch. Ich hatte etwas falsch gemacht. Sie waren nicht zurfrieden mit mir. Sie hielten auf dem Parkplatz an der Pension und mein Engel wollte die Autotür öffnen. Plötzlich sagte der Mann von meinem Engel etwas und was er sagte, hat mein Leben nochmals verändert.
Er sagte zu meinem Engel: "Warte mal". Sie sagte: "Was denn?" Er muss rein, sonst bekommt er kein Essen." Er sagte: "Lass ihn mal drin". Mein Engel entgegnete: "Wie, lass ihn mal drin?" Er sagte: "Er darf bleiben." Mein Engel weinte, sie weinte sehr. So sehr hatte sie zuvor noch nicht geweint.
Sie nahmen sich beide in den Arm und sie sagte immer wieder: "Danke. Danke. Danke." Oh Mann! Ich durfte bleiben. Sie war ganz aufgeregt. Mein Engel ging in die Pension. Sie musste ja meine Reservierung dort stornieren. Sie kam ins Büro und war völlig verheult. Angelika, so hieß die Frau in der Pension, schaute ganz erstaunt und fragte entsetzt: "Was ist passiert?"
Mein Engel fing wieder an zu weinen. Angelika dachte, dass etwas Schlimmes passiert war. Mein Engel sagte unter Tränen: "Paul darf bleiben. Paul ist mein Geburtstagsgeschenk." Das schönste, was sie je bekommen hatte. Angelika sprang sofort auf und nahm meinen Engel in den Arm.
Sie sagte immer wieder: "Ich freue mich so für euch." Für mich fing ab da ein richtig schönes Leben an. Natürlich gab es einige Höhen und Tiefen.
Ich war ein Kettenhund. Wir Kettenhunde entwickeln oft Trennungsangst.
Die hatte ich anfangs ganz schlimm. Immer, wenn mich mein Engel verlassen musste, hatte ich Angst. So schlimm Angst, dass ich versuchte, mich an der Hauseingangstür durch den Beton zu fressen. So schlimm, dass ich versuchte, mich durch die Terrassentür zu fressen.
Mein Engel weiß aber damit umzugehen. Mein Zuhause gibt mir Sicherheit und ich weiß inzwischen, dass sie jedes Mal zu mir zurückkommt. Meine Menschen sagen, sie würden immer wieder einen Kettenhund nehmen - auch mit Trennungsangst.
Es gibt zwei Dinge, die ich erreicht habe. Mein Engel hat durch mich erkannt, dass es viele Hunde in Ungarn gibt, die Hilfe brauchen. Es haben sich immer mehr Menschen gemeldet und wollten auch etwas für diese Hunde in Ungarn tun. Ich war jedoch der allererste und darauf bin ich stolz.
Mir sind jetzt schon Tausende Hunde in eine bessere Welt gefolgt. Alle mussten die gleiche Strecke in einem Transporter fahren. Aber ich war der Erste! Und ich habe noch etwas erreicht. Heute ruft mich mein Herrchen: Wo ist Vaddis Bester? Und dann komme ich. Denn das bin ich.
Ich bin Vaddis Bester und darauf bin ich stolz.
Euer Paul
Paul ging am 31.03.2014 über die Regenbogenbrücke.
In seinem Sarg liegt die kleine Spardose von Paula.
Er wird noch heute von Elke schmerzlich vermisst.
Durch die Adoption von Paul entstand ein Team von damals 7 Personen und sie gründeten einen Verein. Über Jahre vermittelten sie Hunde aus Ungarn und halfen vor Ort, die Lebensumstände der Tiere zu ändern. 2012 trennte sich dieser Verein und einige dieser Teammitglieder haben neue Vereine gegründet.
Sie helfen weiterhin in verschiedenen Ländern wie Ungarn, Rumänien, Italien und Russland. Paul hinterlässt somit heute noch seine Spuren. Noch heute finden Hunde die ungewollt, vernachlässigt, gequält und misshandelt wurden, ein Zuhause und Kettenhunde werden ihre "Ketten los".
So entstand der Name von kettenlos e.V.
Niemand, der nicht aktiv im Auslandstierschutz tätig war, hat eine Vorstellung davon, wie viel Zeit und Nerven diese Tätigkeit erfordert. Ich ziehe nach wie vor den Hut vor diesen Personen, die dies heute noch auf sich nehmen.
Als Paul starb, schrieb Christine Hartung-Czaja: Man sagt, dass der Liebe Gott die Menschen dorthin schickt, wo sie gebraucht werden. Vielleicht gilt das auch für Hunde. Noch heute ziert ein kleiner Stein sein Grab, auf dem dieser Spruch zu lesen ist. Wir wissen nicht genau wo Pauls Seele sich rumtreibt.
Es scheint aber doch so zu sein, dass Paul dem einen oder anderen doch noch so viel Kraft und Durchhaltevermögen schicken kann, dass diese Menschen nicht mit ihrer Arbeit aufhören und dies den notleidenen Tieren zugute kommt.
Danke Paul
Herr, bin nur ein armer Kettenhund,
steh' nun vor dir, mein Hals ist wund
Fast eingewachsen ist der Ring,
mit dem ich an der Kette hing.
Hab' Ohrenschmerzen,
bin fast blind von Regen,
Schnee und kaltem Wind,
von Rheuma steif sind meine Knochen
bin fast auf meinem Bauch gekrochen
aus Angst vor meinem strengen Herrn,
denn mich zu streicheln, lag ihm fern,
hätt' gern gegeben alle Liebe,
erhalten hab' ich oft nur Hiebe,
nur so - weil grad im Weg ich stand und hätt´
so gern geleckt die Hand für nur ein wenig Zärtlichkeit,
ein wenig Lob, wär' gern bereit
mein armes Leben hinzugeben
könnt' ich mein Aug' zu ihm erheben
und lesen dann in seinem Blick ein wenig Liebe
- doch dies Glück
beschieden hier war es mir nie,
war immer nur ein armes "Vieh".
und hab schon soviel Leid erfahren!
Doch steht einmal mein Herr vor Dir,
dann bitt' ich Dich, versprich es mir,
ich fleh' darum nicht ohne Grund schick ihn zurück als Kettenhund!
Ich wünsche allen Mitgliedern, Spendern, Unterstützern, Helfern und Adoptanten schöne Weihnachten und ein paar besinnliche Tage.
Paul´s Geschichte war über Jahre immer im ersten Fenster des Adventskalender. Nach seinem Tod schrieb ich: Ich verspreche dir, die Geschichte wird irgendwann wieder im Internet sichtbar sein.
Ich habe mein Versprechen gehalten. Ehemalige des alten Vereins schrieben auch "Für mich fing Weihnachten immer mit Paul´s Geschichte an." Einige fanden über die Geschichte zum Verein und so fand wieder ein Hund ein Zuhause. Seine Geschichte steht nun auch wieder zu Weihnachten im Internet.
Ich möchte Danke sagen! Danke dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, und wieder Gast in "meiner alten Seite" sein durfte.
Zwei meiner damaligen Mitstreiterinnen wünsche ich von Herzen gute Besserung. Werdet wieder gesund. Nicht nur die Tiere brauchen euch.
Passt alle auf euch auf.
Danke
Elke Schulz - ehemals Otte




















